„Friedenskonzert“ – Ein Appell gegen das Vergessen

Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche brodelt es gewaltig: Mystische Streicherakkorde schieben sich knirschend durch die Landschaft, lichte Stimmungen wechseln abrupt mit schwärzesten Farben, aus der Ferne erklingt das Klagelied einer menschlichen Stimme - eine Musik der inneren und äußeren Nacht, umweht von einem kühlen Hauch, der das Blut in den Adern gefrieren lässt! Schon nach wenigen Takten Musik wird deutlich, dass Ralph Vaughan Williams‘ 1922 komponierte „Pastoral Symphony“ keine bukolischen Landschaftsbilder heraufbeschwört. Hinter der Fassade einer nur scheinbar pastoralen Atmosphäre lässt sich Vaughan Williams, der als Sanitäter die Schrecken des Ersten Weltkrieges hautnah miterlebt hat, tief in die Seele schauen und verarbeitet das dort erlebte Grauen auf sehr persönliche Weise. Das „Pastorale“ dient ihm dabei nur als Maske und ist zugleich behilflich, das Unaussprechliche, das sich in großer Sprach- und Fassungslosigkeit manifestiert, zu reflektieren. Und das geschieht - ganz ohne grelle Dissonanzen und effektheischende Klangentladungen - mittels einer äußerst subtilen und dabei ebenso fragilen Klangsprache. Noch eindringlicher könnte ein Appell gegen das Vergessen des Ersten Weltkrieges kaum gestaltet sein!

Die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss sind ebenfalls vor dem Hintergrund eines vergangenen Krieges, in diesem Fall des Zweiten Weltkrieges, entstanden. Zwischen 1946 und 1948 in Vorahnung seines baldigen Todes komponiert, gelten sie als Strauss‘ Weltabschiedswerk und zugleich als Höhepunkt der Gattung Orchesterlied. Anders als bei der auch als „War Requiem“ gedeuteten „Pastoral Symphony“, unter deren äußerer Hülle eine tiefe Melancholie zum Vorschein kommt, ist Strauss‘ Umgang mit den Themen Tod und Abschied von großer Gelassenheit geprägt, so als habe er bereits Frieden mit sich und der Welt geschlossen. Strauss entfaltet im riesigen spätromantischen Orchestersatz ein Kaleidoskop schillerndster Farben. Obwohl über allen Liedern eine wehmütige Stimmung liegt, herrschen an keiner Stelle Verzweiflung oder Trauer. Alles klingt ungemein prachtvoll und ist mit solch großer Raffinesse orchestriert, als sei der Abschied vom Leben der rauschhafte Höhepunkt eines Festes. Wohl nicht zu Unrecht wurden die „Vier letzten Lieder“ schon bald nach ihrer Londoner Uraufführung (1950) zum Kult. Allein das paradiesisch entrückte Violinsolo im Lied „Beim Schlafengehen“ lässt den Hörer in andere Sphären entschweben...

Als Solistin wird die international tätige Sopranistin Cornelia Ptassek zu erleben sein, die sich nach ihrem Wechsel ins jugendlich-dramatische Fach besonders als Wagner- und Strauss-Interpretin einen Namen gemacht hat und mit bedeutenden Dirigenten wie Kurt Masur, Adam Fischer und Thomas Hengelbrock konzertierte.

Ähnlich wie die „Vier letzten Lieder“ ist auch Gustav Mahlers berühmtes „Adagietto“ aus der 5. Sinfonie von fast schon metaphysischer Schönheit – die Zeit scheint darin stillzustehen und ein Hauch von Ewigkeit wird erfahrbar. Wenn es zum Glück auch keine unmittelbaren Kriegserlebnisse waren, die Mahler zur Komposition bewegten, so war es doch eine persönliche Katastrophe, die ihn dazu antrieb. 1901, kurz nach seiner größten Lebenskrise - einem physischen Zusammenbruch, der ihn an den Rand des Todes gebracht hatte - begann er mit der Arbeit an der 5. Sinfonie. Seine aufflammende Liebe zu Alma, die er später heiraten sollte, war für ihn wie eine Auferstehung. Bei aller Euphorie, die sich im „Adagietto“ widerspiegelt, hat das Werk - wie eigentlich immer bei Mahler – zugleich eine dunkle Seite: So leitet er den Satz mit einem Zitat aus dem Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ ein – zu den „diesseitigen“ Freuden, die der Komponist durch neu gewonnene Lebensenergie gerade erst erfahren hatte, gesellen sich alsbald auch Gedanken zum Jenseits. Das wie entrückt schwebende, zwischen den beiden Polen „Diesseits“ und „Jenseits“ pendelnde „Adagietto“ gibt Zeugnis von Mahlers seelischer Zerrissenheit und beschreibt ihn als Grenzgänger zwischen Zeit und Ewigkeit. Schon Zeit seines Lebens galt er als großer Visionär: „Meine Werke sind stets ein Antizipando [Vorwegnahme] des künftigen Lebens“.
Sollte Mahler darin bereits die Weltkriegskatastrophen vorausgesehen haben?

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